(UN)Praktisch

Föderalismus und Bildung

» Vater versetzt – Kind sitzen geblieben« – so lautete in West-deutschland eine populäre Kritik am Bildungsföderalismus, an der
» Kleinstaaterei« im Bildungswesen. Im Grunde geht es aber nicht um Bund oder Länder, sondern um die Frage, in welchem Aus-maß Schulen von einem Schulministerium in einer Hauptstadt oder autonom, z. B. durch das Zusammenwirken von Lehrern, Eltern und Schülern durch die Schulkonferenz, gesteuert werden. Möchte man Schulen, die in einem Land oder der ganzen Bundesrepublik zum selben Zeitpunkt im gleichem Fach und gleicher Klasse dasselbe Thema behandeln, oder überlässt man die Entscheidungen über Abfolge und Anzahl der Fremdsprachen, die Gewichtung einzelner Fächer, Schwerpunkt setzungen im Unterricht und die Auswahl der Schul bücher den Schulen selbst? Sicher, beides hat Vor- und Nach-teile. Im ersten Fall sollte der Schulwechsel kein Problem sein. Auch wäre die Vergleichbarkeit der Schulleistungen eher möglich. Im zweiten Fall ist das beides deutlich schwieriger, dafür ergibt sich aber eine große Vielfalt: Schulen mit einem Fokus auf die älteren Sprachen oder neusprachlich orientiert, mit bilingualem Unterricht, unterschiedlichen Gewichtungen der Naturwissenschaften.

Ein Gespräch mit Marco Tullner und Frank Michaelis

Ist der Bildungsföderalismus zeitgemäß?

Lieber Frank Michaelis, lieber Marco Tullner, bevor wir zum Bildungsföderalismus in Deutschland kommen, wollen wir das Gespräch mit der Frage beginnen, woran Sie als Erstes denken, wenn es um das Thema Föderalismus geht?

Marco Tullner: Ich bin ja Historiker von Haus aus und finde, dass das föderale System an sich ein sehr positives ist, weil es Vielfalt zulässt und auch weil es manchmal scheinbar notwendige Modernisierungsprozesse verlangsamt, von denen man später merkt, dass sie ein Irrweg gewesen wären. Beides empfinde ich, gerade für Deutschland, als eine Bereicherung.

Frank Michaelis: Da kann ich anschließen. Für jemanden wie mich, der aus der zentralistischen Gesellschaft der ehemaligen DDR stammt, sind zwei Begriffe sehr wesentlich: Liberalismus und Föderalismus. Ich sehe darin die Einheit in der Vielfalt, sowohl in Deutschland, vergleiche das aber auch immer so ein bisschen mit der Thematik Europa, wo wir in der Geschichte viele, viele Irritationen, viele Kriege, viele nationalistische Bestrebungen hatten.

Ein Gespräch mit
Stefanie Hubig

Liebe Stefanie Hubig, als Bildungsministerin des Landes Rheinland-Pfalz nehmen Sie seit 2016 auch regelmäßig an der Kultusministerkonferenz teil. Ist das eigentlich ein schöner Job?

Es ist ein schöner, aber auch ein herausfordernder Job. Es ist deshalb ein sehr schöner Job, weil man eben als Vertreterin oder als Vorsitzende viel mit den Kollegen in Kontakt ist und auch viel koordiniert. Gerade in diesen Zeiten, jetzt in der Coronakrise, haben wir einen sehr engen kollegialen Austausch und versuchen eben auch, gemeinsam die Dinge auf die Spur zu setzen.

Vorbemerkung: Das Gespräch wurde vor der KMK-Sitzung am 15. und 16. Oktober 2020 geführt, bei der die Länder­vereinbarung sowie die Ständige Wissenschaftliche Kommission beschlossen wurden.

Schuljahr 2018/2019


an allgemeinbildenden Schulen:
* ca. 8,33 Millionen Schüler
* 773.280 Lehrkräfte

 

© picture alliance / dpa,
pixelio.de / Albrecht E. Arnold, Günter Havlena,
S. Hofschläger, Timo Klostermeier, Radioaktivman

Bildungsföderalismus

Pro 

Bildungsföderalismus –
bloß Ärger für Schüler
und Eltern?

Ein Plädoyer für Vielfalt

Die Debatte um eine zukunftsfähige Schul- und Bildungspolitik begann in der Bundesrepublik Mitte der 1960er Jahre. Georg Picht rief den »Bildungsnotstand« aus, Ralf Dahrendorf plädierte für »Bildung als Bürgerrecht«. Beide sahen den »Bildungsnotstand« als demokratiegefährdend an.

CONTRA

Der Osten als Avantgarde?

Wie der Kampf gegen den Bildungsföderalismus der SPD dabei helfen könnte, eine Volkspartei zu bleiben

Wirft man einen durch parteipolitische Interessen nicht verstellten Blick auf die Geschichte der Sozialdemokratie, beanspruchte sie historisch die eigentliche Leistungspartei zu sein: Nicht sozial, ökonomisch oder kulturell ererbte Privilegien, sondern allein individuelle Leistungsbereitschaft und Begabung…

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